Die Kanzlerin spricht über Big Data – Offensive für den Mittelstand?

Mitte Juni forderte Angela Merkel eine Big-Data Offensive für den deutschen Mittelstand (siehe https://www.tagesschau.de/inland/digitalgipfel-101.html, den Wortlaut Ihrer Rede finden Sie hier: https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2017/06/2017-06-13-rede-merkel-digital-gipfel-2017.html). Einen Ausschnitt finden Sie unten.

Ihr Aufhänger war die Frage: „Wie gehen wir mit den großen Datenmengen um, die wir zur Verfügung haben?“ Angela Merkel führt richtigerweise aus, dass es nicht genügt, die bereits bekannten Wertschöpfungsketten zu digitalisieren; vielmehr müssten wir mit der Vielzahl von Daten auch neue Anwendungen und Produkte entwickeln. Insbesondere hob sie dabei auf die Beziehungen der Akteure der Wirtschaft zu ihren Kunden ab, die sich völlig verändern werde. Direkt sprach sie den deutschen Mittelstand an, der klug, intensiv und schnell die neuen Wertschöpfungsmöglichkeiten nutzen müsse, da sonst die Plattformanbieter die Wertschöpfungskette anknabberten.

Der Mittelstand: innovativ oder konservativ?

Nun, wie ist das jetzt mit „dem Mittelstand“? Auf der einen Seite ist er höchst innovativ und entwickelt hervorragende Produkte, die sich weltweit bewähren; auf der anderen Seite ist er eher konservativ, überlegt sich gut, wofür er sein Geld ausgibt und wartet bei neuen Technologien sicherheitshalber erst einmal ab, welche Erfahrungen andere machen. Gerade Unternehmen, die bereits eine ganze Weile auf dem Markt sind, haben schon einige Technologien kommen und gehen sehen; sie sind sich auch bewusst, dass es sehr teuer kommen kann, auf ein technologisches Pferd zu setzen, das sich möglicherweise auf dem Hindernis-Parcours des Marktes verlaufen wird.

Insbesondere der IT-Bereich ist ja dafür bekannt, fast schon berüchtigt, auf der Suche nach Käufern regelmäßig eine neue Sau durchs Dorf zu treiben. Begriffe wie Grid-Computing klingen manchem noch im Ohr: Wer damals abgewartet hat, bis die heutigen, deutlich besseren Cloud-Anwendungen verfügbar wurden, dürfte das in den meisten Fällen nicht bereut haben. Oder die schlanken Clients, die vor vielen Jahren kostengünstig auf jedem Schreibtisch stehen und von einem starken Server im Hintergrund bedient werden sollten; sie haben den PC nie abgelöst, stattdessen haben wir heute Handys mit der Rechenpower eines Großrechners von vor 20 Jahren.

Was also spricht dagegen, auch dem aktuellen Big Data-Hype ganz gelassen gegenüberzutreten und erst einmal abzuwarten?

Am Ende gewinnt der Plattformanbieter

Ein ganz wichtiger Grund, dieses Mal aufmerksamer zu sein, verbirgt sich hinter dem „Plattformanbieter“; diesen sieht die Kanzlerin an Wertschöpfungsketten knabbern. Während es bei Autoherstellern immer noch einen starken Wettbewerb gibt und auch eine weltweite Nummer zwei groß und erfolgreich sein kann, gibt es neben Facebook, Ebay oder Amazon keine zweite Plattform, die auch nur annähernd deren Marktmacht erreicht hat. Ein ganz wesentlicher Grund dafür sind die sogenannten Skaleneffekte: Zusätzliche Nutzer erzeugen vergleichsweise wenig zusätzlichen Aufwand, aber eine Netzwerk- oder Auktionsplattform profitiert überdurchschnittlich stark von ihnen. Um weiter zu wachsen, steckt Amazon letztlich bis heute den größten Teil seiner Gewinne in die Weiterentwicklung und Ausweitung des Geschäft; das hat sicher dazu beigetragen, dass Amazon der weltgrößte Internethändler ist. Ein Ende dieser Skalierung ist nicht in Sicht.

Die damit verbundene Denkweise ist den klassischen deutschen Mittelständlern weitgehend fremd, da ihre bisherigen Märkte so nicht funktionieren. Selbst bei preissensiblen Produkten wird in der Regel am Produkt selbst und seinem Fertigungsprozess optimiert, um wettbewerbsfähiger zu sein; es werden Innovationen auf der technischen Ebene gesucht. Wenn jedoch in zunehmendem Maße das Internet und die dadurch eröffneten Möglichkeiten in der Welt der Kunden Einzug halten, erscheint es nicht mehr so abwegig, dass sich dort auch die damit verbundene Denkweise bei der Markteroberung auswirkt.

Wenn Maschinen und ihre Bauteile Daten zu ihrem Befinden verschicken können, dann ist dies zunächst für den Hersteller hilfreich. Mit diesen Daten kann er seine Maschinen besser im Feld beobachten als zuvor und die dadurch gewonnen Erkenntnisse sowohl für die Verbesserung der Maschine als auch für die seines eigenen Service verwenden. Allerdings stehen diese Maschinen beim Kunden meist nicht isoliert. Aus der Sicht des Kunden wäre es natürlich sehr praktisch, wenn er nicht nur die Daten jedes einzelnen Herstellers jeweils für sich betrachten, sondern auch die Gesamtsicht auf seine Produktionsumgebung bekommen könnte.

Wem es gelingt, all diese Daten zusammenzuführen und auswertbar zu machen (zum Beispiel mithilfe von Smart Data Analytics), der kann dem Kunden einen deutlichen Mehrwert gegenüber einem einzelnen Hersteller bieten. Und die von der Kanzlerin genannten Plattformanbieter haben bereits eine Menge Erfahrung damit gesammelt, Daten zu analysieren und dem Kunden daraus einen Mehrwert zu bieten; insbesondere aber auch sich selbst den Mehrwert einer starken Wettbewerbsposition zu verschaffen.

Informieren Sie sich!

Der Aufruf der Kanzlerin an die Unternehmen, sich mit diesen Fragestellungen zu beschäftigen (zusammengefasst unter dem Begriff Digitalisierung) ist also ein durchaus wichtiger. Dabei geht es nicht darum, dass sie die Welt der Unternehmen besser kennt als diese (was natürlich nicht der Fall ist). Vielmehr geht es darum, dass Muster, die bereits bei der Digitalisierung anderer Branchen erkennbar wurden, auch im deutschen Mittelstand erkannt werden. Dann können sie mit der von der Kanzlerin genannten klugen, intensiven und schnellen Umsetzung von den Unternehmen in ihrer eigenen Branche genutzt werden. Es könnte sonst nämlich schnell passieren, dass ein bislang guter zweiter Platz auf der Rangliste des Weltmarkts sehr schnell in eine Abhängigkeit von einem marktführenden Plattformanbieter führt.

Das muss zwar nicht die Existenz eines Unternehmens bedrohen (es gibt viele Händler, die heute ihre Waren über Amazon verkaufen), aber es dürfte in den meisten Fällen zu geringeren Margen und weniger Handlungsfreiheit führen. In kaum einem anderen Bereich wie bei Plattformen dürfte so stark die Behauptung zutreffen: „Second place is just the first loser“ (Dale Earnhardt, NASCAR-Rennfahrer).

 

Originalzitat aus der Rede von Dr. Angela Merkel zum Digital Gipfel 2017:

Damit bin ich bei einer Frage, die uns alle umtreibt und über die in Deutschland auch viel diskutiert wird, nämlich: Wie gehen wir mit den großen Datenmengen um, die wir zur Verfügung haben? Einerseits haben wir den Auftrag der Datensparsamkeit, andererseits gibt es die klare Entwicklung, dass wir mithilfe großer Datenmengen auch vollkommen neue Produkte entwickeln können. Wenn wir in Deutschland von den Möglichkeiten der Digitalisierung insgesamt und in der ganzen Breite Gebrauch machen wollen, dann dürfen wir nicht nur die bisher bekannten Wertschöpfungsketten digitalisieren, sondern dann müssen wir mit der Vielzahl von Daten auch neue Anwendungen und neue Produkte entwickeln. Das betrifft nicht nur separat den Bereich des Business, der Wirtschaft, oder den Bereich der Verbraucher, der Individuen, sondern auch die Beziehung der Akteure der Wirtschaft zu ihren Kunden, die sich völlig verändern wird. Ich kann immer nur darauf hinweisen, dass wir diese Perspektive nicht aus dem Blick verlieren sollten, weil da große neue Wertschöpfungsmöglichkeiten entstehen werden, die insbesondere auch vom deutschen Mittelstand klug, intensiv und schnell genutzt werden müssen. Ansonsten wird von der Seite der Plattformanbieter die Wertschöpfungskette angeknabbert. Und das könnte dann bei der Frage, wer denn wen in das neue Zeitalter führt, Entwicklungen mit sich bringen, die für Deutschland nicht von Nutzen sein würden.

Meine Damen und Herren, natürlich ist bei großen Datenmengen sofort die Frage nach dem Datenschutz auf der Tagesordnung. Wir haben glücklicherweise die EU-Datenschutzgrundverordnung fertig verhandelt, die allerdings noch sehr viele unbestimmte Rechtsbegriffe enthält. Diese Datenschutzgrundverordnung wird im Frühjahr nächsten Jahres in Kraft treten und anzuwenden sein. Wir haben heute sehr intensiv darüber gesprochen, dass wir diesbezüglich noch eine Informationsoffensive brauchen, um deutlich zu machen, welcher neue Rechtsrahmen in Zukunft gelten wird.